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Der baltische Landadel und seine Güter

Das frühere Agrarwirtschaftssystem im baltischen Raum

Herrenhaus in Kolga
Herrenhaus in Kolga
Das Baltikum durchziehen wie selten einen Landstrich Hunderte von erhaltenen ehemaligen Gutszentren - meist ein repräsentatives Herrenhaus nebst Wirtschaftsgebäu- den, Stallungen und oft mit stimmungsvollen Parks. Jahrhunderte lang waren die Gutszentren die Orte, von denen aus der Landadel die landwirtschaftliche Lebens- grundlage der Länder bestimmte. Die im Laufe des 13. Jahrhunderts im mittelalterlichen Livland eroberten Gebiete der Liven, Kuren, Semgaller, Lettgaller und Esten wurden an zumeist deutsche Vasallen des Livländischen Ordens sowie der Bischöfe verlehnt.
Wappen der von Tiesenhausen
Wappen der von Tiesenhausen

Von Tiesenhausen

Diese Adligen kamen zumeist schon in der Frühzeit des Kreuzzuges in Livland Ende des 12. Jahrhunderts erstmals ins Land. Sie stammten zumeist aus Westfalen und Niedersachsen und zogen eine saisonale Kreuzfahrt ins Marienland (Alt-Livland) einem langwierigen Kreuzzug ins Heilige Land vor. Auch damit konnte man laut Papstbulle sich von Sünden befreien. Das eroberte Land wurde bald vom Bischof von Riga und dem Orden verlehnt. Zu den ältesten belehnten Vasallen gehören die von Tiesenhausen. Es bildete sich so ein fast ausschließlich deutsch-baltischer Landadel heraus. Im nördlichen Teil Estlands gab es auch vereinzelte dänische und estnische Vasallen, die aber nach und nach deutsch assimiliert wurden.
Die einheimischen Bauern als landwirtschaftliche Arbeitskraft waren zunächst noch frei. Erst am Ende des Mittelalters gerieten sie (auch in Litauen) immer mehr in die Abhängigkeit des Landadels und die Leibeigenschaft bildete sich heraus. Die Gutshöfe wurden zu wirtschaftlichen Zentren der bis ins 20. Jahrhundert landwirtschaftlich geprägten Länder. Die estnische und lettische Bezeichnung für "Gut" hat einen gemeinsamen Ursprung im livischen Wort mois (lett. heute muiza), was ursprünglich einen Herrensitz bezeichnete, an den Abgaben zu zahlen waren. Vom 16. - 18. Jahrhundert nahm mit steigender Nachfrage aus Westeuropa der Getreideanbau auf den Gütern zu. Massen von Getreide wurden über die baltischen Häfen bis nach England ausgeführt.

Schnapsbrennerei in Palmse
Schnapsbrennerei in Palmse

Deutsche Schnapsbarone

Nachdem die baltischen Provinzen Anfang des 18. Jahrhunderts Teile Russlands geworden waren, verdiente der Landadel nicht schlecht am vor allem nach Russland aber auch in heimischen Dorfkrügen an die eigenen Bauern verkauften Schnaps, der aus baltischem Getreide hergestellt wurde (Getreidekorn - Branntwein). Diese Gutsbesitzer trugen daher den Spitznamen Deutsche Schnapsbarone. Noch heute zeugen die meist im 18. Jahrhundert neu erbauten bzw. aus umgebauten mittelalterlichen Burgen entstandenen Residenzen des Landadels von den damals gut gehenden Geschäften des Landadels. Namen wie von Lieven, von Campenhausen, von Tiesenhausen, von Manteuffel, von Wrangel, von Uexküll sind typische deutschbaltische Adelsgeschlechter.
Orellenhof
Orellenhof
Darunter gab es Gutsherren, die bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts - beeinflusst vom pietistischen Herrenhutertum - eigens Schulen und andere soziale Einrichtungen für die Bauernkinder ins Leben riefen. So z.B. Oberst Balthasar von Campenhausen auf dem Orellenhof (in Lettland, nahe Cesis). Das einstige Schulgebäude beherbergt heute ein Cafe, gleich nebenan das einzige erhaltene hölzerne Herrenhaus des Gutes (lett. Ungurmuiza). Die meisten der Herrenhäuser aus Holz wurden im 18. Jahrhundert durch großzügigere Steinbauten ersetzt. Die neuen nachmittelalterlichen Mächte Polen, Schweden und Russland hatten vom 16.-19. Jahrhundert die alten Privilegien und Länderein des deutschbaltischen Landadels nicht angetastet und den Adel so auf ihre Seite gezogen. Doch das Agrarsystem war lange überholt als Anfang des 19. Jahrhunderts in Livland, Estland und Kurland die Leibeigenschaft aufgehoben wurde.
Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Bauern wirklich fähig, einstiges Gutsland nicht nur zu pachten, sondern auch zu kaufen. Viele gingen nun in die Städte als dringend benötigte Industriearbeiter. 1905 gingen in der russischen Revolution Hunderte Gutshöfe des deutschen Landadels in Flammen auf, Dutzende Besitzer mit ihnen. Grausam wüteten anschließend die russischen Strafbataillone unter den Bauern. Nach der Gründung der Republiken Estland und Lettland wurden die Güter nach 1920 enteignet. Den meisten einstigen Großgrundbesitzern blieb kaum mehr als 50 Hektar Land und das Herrenhaus. Bis spätestens 1945 hatten die allermeisten ehemaligen Landadligen das Land verlassen, nur die Namen der Güter oder Museen erinnern heute an das Jahrhunderte lang vom Landadel geprägte Agrarsystem.


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