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Stadtmauern, Stadttore, Festungen und Befestigungsanlagen

Mittelalterliche Zeugnisse umkämpfter Städte

Alt-Livland, d.h. das Territorium des heutigen Estland und Lettland, war ein im 13. Jahrhundert von fremden Mächten unterworfenes Land. Im Norden in Estland kamen die Dänen und an die Dünamündung an der Rigaer Bucht kamen angeworbene deutsche Pilger und später der Livländische Orden. Sie begannen Liven, Esten und lettische Stämme zu unterwerfen, was die Einheimischen nicht ohne Widerstand hinnahmen. Der junge deutsche Brückenkopf Riga war gerade im ersten Jahrzehnt nach der Stadtgründung (1201) noch nicht ausreichend vor Angriffen einheimischer "Heiden" geschützt. Der Bischof von Riga hielt sich u.a. deshalb nur zeitweise und anfangs nicht ständig in der jungen Stadt auf.
1207 ist erstmals eine feste Stadtmauer in Riga erwähnt. Davor gab es sicher noch keine Stadtmauern, sondern lediglich etwa 3,50m hohe Palisaden. Mehrere Male wurde die Stadtbefestigung wegen Vergrößerung der Stadt erweitert. Im 14. Jahrhundert umgab sie in einer Gesamtlänge von 2.200 m und einer Höhe von bis zu 13m die heutige Altstadt. Zeitweise bis zu 29 Verteidigungstürme waren ca. 70 m (Pfeilschussweite) voneinander entfernt in die Stadtmauer integriert. Davon sind heute leider nur der massive Pulverturm, der nebenliegende rekonstruierte Rahmerturm (13. Jh.) und einige stark mit Gebäuden der Burg und Wohngebäuden verbaute Türme erhalten.
Um 1537 begannen die mittelalterlichen Stadtmauern allmählich ihre Bedeutung zu verlieren, da ein umfangreiches Festungssystem aus Sandwällen, Bastionen und Ravelins wegen der Entwicklung der Schusswaffentechnik errichtet wurde. Damals baute man nach und nach Wohngebäude zu beiden Seiten an die alten Stadtmauern an. Deren Mauerreste kamen vielerorts erst wieder im 20. Jahrhundert bei Abriss- und Umbauarbeiten zutage. Im Mittelalter galt der Spruch: Wer Riga regiert, regiert das Baltikum!
Dennoch reichten die Befestigungsanlagen der größten Stadt im Baltikum nicht aus, ihre Angreifer zurückzuhalten. 1710 eroberten Truppen Peter I. nach Belagerung die Stadt. Bis 1857 bestand für Riga der Festungsstatus, der außerhalb der Altstadt in den Vorstädten keine Steinhäuser erlaubte. Von der mittelalterlichen Stadtmauer sind heute in Riga nur rekonstruierte Reste aus Backstein zu finden - anders in Tallinn, dem mittelalterlichen Reval. Reval entstand als wichtige Kaufmannsstadt am Ostseehandelsweg von Norddeutschland nach Nowgorod.
Die Stadt entwickelte sich nachdem die Dänen 1219 hier Fuß gefasst hatten. Da der aus dem Handel stammende Reichtum der Stadt natürlich fremde Begehrlichkeiten weckte, wurde sie massiv befestigt. Reval gehörte am Ende des Mittelalters zu den am stärksten befestigten Städten des Ostseeraumes. Die im 15. und 16. Jahrhundert verstärkten Stadtmauern waren bis zu 16 m hoch. Von einst 45 Türmen sind 28 erhalten, die Stadtmauer von einst 3,35 km Gesamtlänge ist heute in Tallinn zu fast 80 % erhalten!
Ebenso ein Teil der Stadttore - einst mächtige Doppeltore, sind heute noch Vortore der einstigen Strandpforte (Dicke Margarete) und der Lehmpforte (Viru-Tor) erhalten. Der "Kiek in de Kök" war einst einer der mächtigsten Kanonentürme in Europa, von wo aus bis zu 30 Kanonen gleichzeitig abgefeuert werden konnten. Tallinn hatte sich gut vorbereitet auf Angriffe von außen, so gelang es den Truppen Iwan des Schrecklichen in den Siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts nicht, die Stadt einzunehmen. Besonders archaisch mutet der grau glänzende Kalkstein der Stadtmauern und Türme heute an. Hier in Tallinn - Reval konnte man auf den in der Nähe vorhanden Kalkstein als billiges Baumaterial zurückgreifen, Backstein war hier nicht nötig.


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