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Die singende Revolution in den baltischen Staaten

Ein einzigartiges Ereignis unter den friedlichen Revolutionen

Die Singende Revolution im Baltikum am Ende der Sowjetzeit dürfte einen besonderen Platz unter den Revolutionen in Europa einnehmen. Sie stellte eine ganz neue Art der Revolution, eine friedliche Revolution dar, die ihren Protest gegen die bestehenden Zustände in Liedern ausdrückte. Seit der Zeit ihrer Emanzipation gegenüber Deutschbalten und Russen am Ende des 19. Jahrhunderts, hatten Esten und Letten, später auch die Litauer ihrem Heimatgefühl und nationalen Selbstbewusstsein auf den traditionellen Sängerfesten Ausdruck verliehen. Dabei wurden in der Zarenzeit nicht selten Lieder zensiert oder ganz verboten.
In der Unabhängigkeitszeit zwischen den beiden Weltkriegen erlebten die baltischen Staaten einen Höhepunkt ihrer Massengesangskultur auf den Sängerfesten. Diese Massenchortradition wurde auch in der Sowjetzeit weiter gepflegt, konnten doch die neuen Machthaber die Feste im Sinne ihrer Propaganda ausnutzen und das Liedgut manipulieren. Schon 1988 bildeten sich in Estland und Lettland die Volksfronten, in Litauen die "Sajudis-Bewegung" als Kritiker der allumfassenden Partei. Gorbatschows Glasnost und Perestroika hatte die Balten dazu ermutigt, offener nationale Probleme, wie Umweltsünden und Überfremdung anzusprechen und die Partei zu kritisieren.
Auf Massenkundgebungen der Volksfront in Estland 1988 auf dem Sängerfeld und in der Hauptstadt und auf dem estnischen Sängerfest 1990 sang man lange verbotene Lieder. Mutige Rockversionen populärer estnischer Lieder wurden zu Sommerhits. Das Volk sang 1990 auf dem Sängerfest wieder unter der schwarz-blau-weißen Nationalflagge die estnische Hymmne. Von Beobachtern wurde bereits damals der Begriff der Singenden Revolution geprägt. Erste Rufe nach staatlicher Unabhängigkeit wurden laut.
Bereits am 23. August 1989 hatten die drei Volksfronten eine mehrere Hundert Kilometer lange lebende Menschenkette von Tallinn über Riga bis Vilnius gebildet (der Baltische Weg), um aufmerksam zu machen auf das 50 Jahre währende Verbrechen des Hitler-Stalin-Paktes, das die baltischen Länder schon 1940 zu Vasallen der Sowjetunion gemacht hatte. Moskau sträubte sich gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen der Balten, könnten sie doch das gesamte Sowjetreich zum Einsturz bringen. Die Revolution nahm ihren Lauf als es in der Nacht des 13. Januar 1991 zu blutigen Ereignissen in Vilnius kam, wo sowjetische Militärs das litauische Fernsehen besetzten. 13 friedliche Demonstranten kamen hier um.
Daraufhin errichteten die Rigenser Barrikaden um ihr Radiogebäude und das Parlament in der Rigaer Altstadt, um diese vor Zugriffen der marodierenden sowjetischen Militärs zu schützen. Tage- und nächtelang hielten die Menschen der eisigen Kälte mit ihren Liedern an den Lagerfeuern stand. Als "die alten Garden" im August 1991 in Moskau gegen Gorbatschow putschten, wurden erneut in Tallinn, Riga und Vilnius Barrikaden errichtet und Lieder der Solidarität gesungen. Man musste mit dem Schlimmsten rechnen. Die friedliche Revolution im Baltikum drohte zu scheitern. Doch wenige Tage später brach der Putsch nicht zuletzt Dank des mutigen Vorgehens von Boris Jelzin zusammen.
Erste Staaten erkannten die baltischen Republiken am 23. August 1991, genau 52 Jahre nach dem verbrecherischen Hitler-Stalin-Pakt, diplomatisch an. Die Singende Revolution hatte ihr Ziel erreicht. Noch heute laufen in den baltischen Staaten Strafprozesse gegen einzelne ehem. sowjetische Militärs, die damals 1991 am Terror gegen friedliche Zivilisten beteiligt waren. Den meisten gelang es, sich der Justiz zu entziehen. Gorbatschow wies jegliche Mitschuld an den blutigen Ereignissen in Vilnius und Riga im Januar 1991 von sich. Er ist im Baltikum nicht halb so hoch angesehen, wie in Deutschland um seine Verdienste bei der Wiedervereinigung.


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