Baltische Volkslied- und Sängertradition
Die einzigartige baltische Liederkultur und die singende Revolution
Zu den einzigartigen und unvergesslichsten kulturellen Großveranstaltungen, die man im Baltikum erleben kann, zählt das berühmte Sängerfest. In allen drei baltischen Staaten wird diese Massenchortradition gepflegt. Wer einmal einen Chor von 25.000 begeisterten Stimmen auf dem Sängerfeld in Tallinn oder im Waldpark in Riga erlebt hat, dem wird dies unvergesslich bleiben.
Zum Großen Sängerfest versammeln sich etwa alle fünf Jahre an einem verlängerten Sommerwochenende bis zu 25.000 Sänger aus allen Teilen Estlands bzw. Lettlands, dazu kommen estnische und lettische Exilchöre sowie ausländische Gastchöre.
Die teilnehmenden einheimischen Chöre werden im Vorfeld von Kommissionen ausgewählt. Jede Schule, jeder kleine Ort in Estland und Lettland hat seinen eigenen Chor. Besonders die Jüngsten wollen unbedingt dabei sein.
Seit der Sowjetzeit findet parallel zum Sängerfest auch das große Tanzfest statt. Tausende Tänzer kommen mit ihren Regionaltrachten in die Hauptstädte. In den Tagen des Festes fallen überall in der Stadt die an den Fensterkreuzen der Schulen hängenden wertvoll hergestellten Trachtenanzüge und -kleider auf.
Zehntausende Sänger und Tänzer müssen ja irgendwo untergebracht werden - Turnhallen und Schulen werden zu Schlafstätten, wenn zum Sängerfest in Tallinn oder Riga die relativ kleinen Hauptstädte um ca. 300.000 Menschen (Teilnehmer und Zuschauer) anwachsen. Für jeden engagierten Chorleiter und Tanzlehrer, Sänger und Tänzer sind die großen nationalen Sänger- und Tanzfeste der Höhepunkt jahrelanger Sanges- und Tanzleidenschaft. Schon von klein auf werden die jungen Talente entwickelt, so sollte es nicht verwundern, daß junge Esten und Letten bei den Grand Prix Eurovisionswettbewerben alljährlich vordere Plätze belegen.
Zurück geht die Tradition der Sängerfeste auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als Esten und Letten nach der Aufhebung der Leibeigenschaft sich gegenüber dem deutschbaltischen Landadel und der russischen Staatsmacht emanzipierten. Jahrhundertelang hatten sich Esten und Letten deutsch assimilieren müssen, deutsch reden, studieren und denken müssen, um etwas zu werden.
Doch in der Zeit der Russifizierungmaßnahmen in den baltischen Provinzen des Russischen Reiches entschieden sich die Esten und Letten nicht für die russische Kultur im Kampf gegen die deutschen Landherren, sondern für ihre eigene Kultur. Sängervereine nach deutschem Vorbild sprossen wie Pilze aus dem Boden, zunächst fast ausschließlich mit geistlichem Repertoire, später auch mit weltlichen Volksliedern.
1869 fand in der Universitätsstadt Dorpat (dem estnischen Tartu) das erste estnische Sängerfest mit über 800 Teilnehmern und ca. 15.000 Zuschauern statt. 1873 organisierte der Verein Rigaer Letten im damals noch mehrheitlich deutschen Riga das erste alllettische Sängerfest (Dziesmu svetki).
Besonders in Lettland trug das gemeinsame Singen und das regelmäßige Sängerfest dazu bei, daß sich Letten aus verschiedenen russischen Gouvernements näher kennen lernten und sich ihrer Nation bewusst wurden. Nach der Gründung der jungen Staaten Estland und Lettland 1918 wurden patriotische Lieder zu Nationalhymmnen, die bereits zu den ersten Sängerfesten entstanden waren - in Estland "Mu isamaa, mu önn ja rööm" (Mein Vaterland - mein Glück und meine Freude), in Lettland "Dievs, sveti Latviju" (Gott, schütze Lettland!).
Beide Hymnen waren auf den Sängerfesten der Sowjetzeit verboten. Sowjetisches Liedgut überformte die Feste. Sie wurden propagandistisch missbraucht. Erst in den Tagen der Perestroika wurden die Lieder zur pazifistischen Waffe der Balten als sie den sowjetischen Betonköpfen trotzten und sich auf Barrikaden (1991 in Riga und Vilnius) und auf dem Sängerfeld in Tallinn (Herbst 1988) regelrecht die Freiheit ersungen. Ein neuer Begriff - "Singende Revolution" wurde damals im Europäischen Geschichtsbuch festgehalten.
Auf dem Sängerfeld von Tallinn erinnert eine überlebensgroße Statur an die estnische Komponisten- und Dirigentenlegende Gustav Ernesaks, der die Feste in Estland über Jahrzehnte geprägt hat. In Lettland werden die Dirigenten der Massenchöre, wie z.B. die Zwillingsbrüder Kokari, auf dem Sängerfest gefeiert wie Volkshelden und abschließend mit einem Eichenlaubkranz auf dem Haupt auf Armen getragen.
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