Allgemeine baltische Geschichte
Stalinismus, Nazizeit, Weltkriege und Unabhängigkeit - Das Baltikum der Neuzeit
Ende des 19. Jh. entwickelte sich in allen drei baltischen Staaten eine Nationalbewegung. In Litauen konnte sie sich auf das einstige Großreich besinnen. Doch waren in diesem Amtssprache und Literatur polnisch.
In der Zeit der russischen Besetzung wurde der Unterricht an den Schulen in Russisch gehalten, litauische Druckerzeugnisse waren verboten. Ein wachsendes Selbstbewußtsein spiegelte sich in litauischer Dichtung wieder, 1904 wurde das Druckverbot aufgehoben. Die Revulotion 1905 brachte weitere Rechte.
Schützengräben aus dem Ersten WeltkriegIm ersten Weltkrieg wurde sehr viel zerstört, Deutschland besetzte das Land 1915. 1917 wurde Litauen unabhängig. Nachdem Polen 1920 Vilnius besetzte, wurde Kaunas zur Hauptstadt des unabhängigen Litauen. Bis 1926 regierte eine demokratische, vom Parlament legitimierte Regierung. Nach dem Militärputsch eine nationalistische Diktatur.
Mit dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 endete die Souveränität, 1940 marschierte die rote Armee ins Baltikum ein. Stalin löschte die geistige Elite mit Massendeportationen nahezu vollständig aus und ruinierte die Wirtschaft.
IX. Fort bei KaunasUnter der folgenden deutschen Besetzung wurden annähernd 200.000 Juden ermordet, wobei die einheimische Bevölkerung z.T. mitwirkte. Das IX. Fort bei Kaunas ist heute Gedenkstätte für die ermordeten Juden in ganz Litauen.
Berg der Kreuze bei SiauliaiNach Rückeroberung durch die Sowjetunion wurden weitere Deportationen durchgeführt. Fast ein Drittel der litauischen Bevölkerung verlor durch den zweiten Weltkrieg ihr Leben oder ihre Heimat. Die folgenden Jahrzehnte wurden von weiteren Exzessen des Stalinismus geprägt. Der Berg der Kreuze bei Siauliai in Litauen erinnert an die Ermordeten und Verschleppten während der sowjetischen Besetzung.
In Lettland und Estland waren die eigentlichen Landessprachen dem bäuerlichen Stand vorbehalten, so dass sie nicht niedergeschrieben wurden. Erst Mitte des 19. Jh. begründeten estnische und lettische Studentenvereinigungen eine Art Nationalbewußtsein. Das 1857 von Friedrich Reinhold Kreutzwald herausgegebene Volksepos "Kalevipoeg" spielt in Estland noch immer eine wichtige Rolle.
Die noch heute in Estland und Lettland stattfindenden Sängerfeste haben ihren Ursprung in der Sammlung lettischer Volkslieder, herausgegeben von Krisjanis Barons.
Die auch in den baltischen Städten ausbrechenden Aufstände gegen die russische Herrschaft griffen auf die ländlichen Teile über. Der Zorn der Landlosen entlud sich u.a. auch gegen die deutschen Gutsherren. Obwohl eine Revolution scheiterte, brachten die Aufstände doch einige Selbständigkeit. Die erste Unabhängigkeit wurde jedoch auch hier erst nach dem ersten Weltkrieg erlangt.
Infolge von Korruption verloren jedoch auch diese sehr jungen Republiken schnell das Vertrauen in das System Demokratie. Mitte der dreißiger Jahre etablierten sich nationalistische Diktaturen, die bis zum Hitler-Stalin-Pakt Bestand hatten. Die Deutschen folgten dem anschließenden Aufruf "Heim ins Reich" und die Sowjetunion bot ihre "Freundschaft" in Form von "Beistandspakten" an, der man sich angesichts der unverhohlenen Drohungen (beider Seiten) nicht verschließen wollte oder konnte.
Die weitere Entwicklung glich der in Litauen. Neue Industriezweige unter sowjetischer Führung und viele militärische Basen fügten den Ländern schwere Umweltschäden zu.
Erst Gorbatschows Perestroika gab der im Untergrund operierenden Opposition neuen Aufschwung. Mitte der achtziger Jahre protestierten zunächst in allen baltischen Staaten Umweltgruppen gegen Ökologie gefährdende Großprojekte. Kurz darauf kamen Forderungen nach nationaler Selbständigkeit auf.
Die sogenannten "Kalenderunruhen" konnten auch mit Gewalt nicht mehr unterbunden werden. Die kulturelle Identität, die sich die baltischen Völker über Jahrhunderte unter der Fremdherrschaft in ihren Volksliedern bewahrt hatten, führte zu einer geschichtlich einmaligen gewaltfreien, zur sogenannten "singenden Revolution".
Nach den Parlamentswahlen 1990 in Estland, Lettland und Litauen, die zu einer überwältigenden Mehrheit der Volksfronten führte, versuchte die Sowjetunion das Rad der Geschichte noch ein letztes Mal zurück zu drehen: Nachdem eine Wirtschaftsblockade wenig fruchtete, forderten bewaffnete Putschversuche in Riga und Vilnius viele Opfer. Mutig stellten sich die unbewaffneten Menschen den sowjetischen Sondereinheiten entgegen und schützten insbesondere ihre Parlamente mit Menschenketten.
Nach dem erfolglosen Putsch im August 1991 in Moskau erfolgte die Anerkennung der Eigenstaatlichkeit durch Gorbatschow und daraufhin auch durch die internationale Völkergemeinschaft.
Sängerfest in TallinnDie Tradition der nationalen Sängerfeste, begonnen 1869 in Estland, wurde in allen Republiken nach dem unblutigen Sieg weitergeführt. Beim Wettbewerb in Tallinn 1990 sang ein Chor von 30.000 Sängern vor einem Publikum von einer halben Million Menschen. In allen Staaten findet seither jeweils ca. alle fünf Jahre ein Sängerfestival statt. Fremde sind hierzu ausdrücklich willkommen.
Modernes TallinnEstland, Lettland und Litauen suchen den Anschluss an Westeuropa. Der Beitritt der drei baltischen Länder zur Europäischen Union im Mai 2004 dürfte auf dem Weg dorthin ein sehr wichtiger Schritt gewesen sein.
Trotz der sicher noch aufzuholenden Rückstände, und der teilweise sehr schwierigen Lebensbedingungen für Teile der Bevölkerung, gibt es in allen baltischen Staaten ein erstaunliches Wirtschaftswachstum, vor allem in Estland, dem "baltischen Tiger".
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