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Baltische Dichtung, Lieder und Nationale Epen

Verwandtschaft des finnischen Kalevala

Das nationale Selbstbewusstsein der kleineren Völker der Finnen, Esten und Letten, die Jahrhunderte lang von Schweden, Russen und Deutschen sowie deren Sprachen beherrscht wurden, begann sich im 19. Jahrhundert herauszubilden. Ausdruck dafür sind die in diesen Ländern aus Jahrhunderte alten nie verschriftlichten und nur mündlich überlieferten Volksdichtungen "zusammengedichteten" Nationalepen.
Allen drei Völkern gemeinsam sind die recht späten Schriftdenkmäler in diesen Sprachen - Übersetzungen geistlicher Literatur - die erst aus der Zeit kurz nach der Reformation stammen. Die authentischen Überlieferungen der kleinen Völker wurden von Generation zu Generation lediglich mündlich weitergetragen und (v.a. je nach Region) modifiziert.
Am bekanntesten ist das finnische Nationalepos Kalevala. Zwischen 1828 und 1834 unternahm der finnische Landarzt und Hauslehrer Elias Lönnrot fünf ausgiebige Sommerreisen nach Ostfinnland (v.a. Karelien), wo sich die Volksdichtungen besonders gut im kollektiven Gedächtnis erhalten hatten. Hier sammelte er Tausende alter Zaubersprüche und epischer Lieder um den schamanischen Runensänger Väinemöinen, den leichtsinnigen Helden Lemminkäinen und den Schmied Ilmarinen.
1835 erschien seine erste Ausgabe des Kalevala, 1949 folgte die zweite erweiterte. Vielfach mussten von Lönnrot künstliche Überleitungen geschaffen werden, um durch dichterische Freiheiten nicht verknüpfte Verse und Runen zu einer epischen Einheit zu verbinden - bestand doch die Annahme, daß die Gesänge einst eine Einheit gebildet hatten. Lönnrots Sammelreisen hatten Vorbildcharakter nicht nur in Finnland - Karelien wurde zur "Schatzkammer" für alte fast vergessene Volkstraditionen. Die Rezeption des Kalevala war international - so beschäftigte sich auch Jacob Grimm 1845 mit Lönnrots "finnischem Epos".
Etwa um die gleiche Zeit beschäftigten sich die im Umfeld der Gelehrten Estnischen Gesellschaft tätigen estnischen Ärzte Friedrich Robert Fählmann und Friedrich Reinhold Kreutzwald mit den Volksdichtungen ihrer Heimat. In Inhalt und Form glichen viele Thematiken des von Kreutzwald 1857 "zusammengedichteten" estnischen Epos "Kalevipoeg" (Kalevs Sohn) dem finnischen Kalevala. Mit dem Kalevipoeg gab es nun endlich estnischsprachige Dichtung.
Der Hauptheld ist der bärenstarke riesenhafte Sohn des bereits verstorbenen Königs Kalev. Er erlebt viele Abenteuer, wirft riesige Findlinge, baut Festungen, bestellt das Land. Als seine Mutter von einem finnischen Zauberer entführt wird, lässt er sich von einem finnischen Schmied ein Schwert schmieden, um sie zu befreien. Doch das Schwert wird vom Schmied mit einem Fluch belegt und Kalevs Sohn stirbt schließlich durch sein eigenes Schwert.
In Lettland dichtete Andrejs Pumpurs 1888 ein lettisches Epos: "Lacplesis" (Der Bärenreisser) - ein bärenstarker Held, der gegen die dunklen Mächte (v.a. die deutschen Eindringlinge des 13. Jahrhunderts) kämpft. Pumpurs hatte kaum authentische Volksdichtung zur Verfügung wie etwa Lönnrot, doch sein Werk ist mit dem Untertitel "Volksepos" versehen, was seine Zielrichtung hin zu einem nationalen Epos auch der Letten unterstreicht.
Noch heute werden die Helden der Nationalepen gern als Werbeträger genutzt: In Finnland gibt es nicht nur Kalevala-Koru (Schmuck), sondern eine Sampo-Bank (Sampo - ein von Ilmarinen geschmiedetes Wunderding im Kalevala) und den Baukonzern Lemminkäinen. In Estland heißt der traditionsreichste Süßwarenhersteller Kalev und in Lettland eine Biersorte Lacplesis.


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