Die Geschichte der Juden im Baltikum
Jüdische Gemeinden in Lettland und Litauen
Zweifellos war das Baltikum bis zum Holocaust eines der Zentren Jüdischer Kultur in Europa. Es gibt aber regional große Unterschiede. Jüdisch geprägt ist v.a. Litauen. Das Großfürstentum Litauen war im 14. Jahrhundert nicht nur eines der letzten heidnischen Länder Europas, sondern auch eines der tolerantesten. Menschen aller Herkunft und allen Glaubens sollten sich auf Wunsch des Großfürsten Gedeminas in Vilnius, der neugegründeten Hauptstadt ansiedeln.
Neben noch heidnischen litauischen Großfürsten und deren häufig griechisch-orthodox getauften Ehefrauen sowie römisch-katholischen deutschen Handwerkern und Kaufleuten gab es bald auch eine jüdische Gemeinde. Frei von Verfolgung wie in anderen Ländern Europas siedelten sich nach und nach immer mehr Juden in Litauen an. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten hier mehr als 200.000 Juden. Vilnius, oder Wilne, wie die Juden es nannten, wurde im 18. Jahrhundert zu einem Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit - zu einem wahren Jerusalem des Ostens. Einer der geachtetsten jüdischen Talmud-Gelehrten, Eliyahu Ben-Schlomo Zalman - der Ganon von Wilna, war hier tätig und wird noch heute hoch verehrt.
Jüdischer Glauben, jüdischer Kalender, jüdische Bräuche, jüdische Küche, jüdische Feiertage bestimmten den Rhythmus von fast 40 % der Einwohnerschaft von Vilnius. Von einst rund 100 Synagogen gibt es heute nur noch eine. Ein jüdisches Museum erinnert heute an das Leben der Juden in Vilnius vor dem Holocaust und an ihre Vernichtung.
Eine jüdische Gemeinde gab es seit dem 19. Jahrhundert auch in Riga. Bis dahin durften sich Juden in der 1201 von Deutschen gegründeten Stadt, die um ihre jahrhundertealten Privilegien fürchtete, offiziell nicht niederlassen. Die Rigaer Judenschaft war keineswegs eine homogene Masse. Der größte Teil der Intellektuellen hatte Deutsch als Muttersprache und war schon länger im Rigaer Raum ansässig, während als Muttersprache des größten Teils der jüdischen Industriearbeiterschaft Ende des 19. Jahrhunderts Russisch oder Jiddisch vorherrschte. Diese jüdischen "Ormelait" lebten v.a. in der sog. Moskauer Vorstadt von Riga, wo in der Nazizeit das jüdische Ghetto eingerichtet wurde.
Innerhalb von wenigen Tagen wurde Ende 1941 fast die gesamte Rigaer Judenschaft bei Massenerschießungen ausgelöscht. Die jüdische Geschichte der Stadt ist im jüdischen Museum präsent. Es erinnert nicht nur an den Holocaust und seine Opfer, sondern auch an lebendiges jüdisches Leben auf dem Lande und in den Städten, an jüdische Schriftsteller und Sänger, an jüdische Namen, die heute fast vergessen sind.
Mit etwas Glück lassen sich in Riga oder Vilnius heute noch alte Leute finden, die als Alltagssprache auch Jiddisch sprechen, doch sie werden weniger. Den größten Teil der jüdischen Gemeinden des Baltikums bilden heute zugewanderte jüdische Menschen aus Russland und in den Gemeindehäusern dominiert Russisch als Umgangssprache. Vor allem in Litauen haben die Gemeinden sich mit antisemitischen Parolen leider auch aus Presse und Politik auseinander zu setzen.
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