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Gotik und Backsteingotik - wichtige Baustile im Baltikum

Gotische Aritektur, Kirchenbauten und Kunst

Freunde der Gotik in der Architektur und insbesondere der Backsteingotik kommen im Baltikum voll auf ihre Kosten. Die Länder an der östlichen Ostsee wurden ab Ende des 12. Jahrhunderts von Westen her erobert und christianisiert. Frühhansische Kaufleute, die deutsche und dänische Geistlichkeit sowie die Ritterorden brachten die architektonischen Stilelemente ihrer Heimat mit in die eroberten Länder. Die Zeitepoche der Eroberung und Christianisierung Livlands im 13. Jh. steht am Übergang von der Romanik zur Gotik. Obwohl v.a. die Gotik sich im Kirchenbau niedergeschlagen hat, finden sich bei detaillierter Suche doch einige romanische Spuren.
In Riga, dem ersten deutschen Brückenkopf für Kirche und Handel, gegründet 1201, sind an der Apsis des Chorteils der St. Georgskapelle der ersten Ordensburg romanische Rundbögen erhalten geblieben. Auch die kleinen Rundbogenfenster weisen auf romanische Ursprünge hin. Auch der Dom von Riga weist im Chorteil und im östlichen Querschiff romanische Züge auf, ebenso die zeitgleich (Anfang des 13. Jh.) entstandenen Arkadengänge des Kreuzganges des Domklosters. Während an der ersten Ordensburg noch Dolomitgestein verbaut wurde herrschten wenige Jahre später aufgrund des Mangels an natürlichen Baumaterialien wie Kalkstein in der Nähe von Riga bald Backstein als Baumaterial der großen gotischen Kirchen (Dom St. Marien, Stadt- und Hauptkirche St. Petri, ehem. Dominikanerkirche St. Johannes, St. Jacobi) vor.
Die Einflüsse der Backsteingotik in Riga kamen zumeist aus anderen Hansestädten. So ist für den Bau des Kapellenkranzes der St. Petrikirche Anfang des 15. Jahrhunderts der Rostocker Baumeister Johann Rumeschottel (der vorher an der Marienkirche in Rostock beteiligt war) belegt. Der spätgotische Stufengiebel der Johanneskirche ist dagegen von Danziger Vorbildern beeinflusst. Die ersten Baumeister in Altlivland kamen aber wahrscheinlich aus Gotland (Visby), über das der gesamte frühe Ostseehandel Norddeutschlands gen Osten abgewickelt wurde.
Architektonisches Know How kam mit Handelsleuten und Geistlichkeit auch aus Westfalen und vom Niederrhein. An weltlicher gotischer Architektur sind in Riga u.a. das Vereinshaus der Schwarzhäupter (erbaut ursprünglich Anfang des 14. Jh., rekonstruiert 1999) und die Münsterstube (13. Jh., heute Vorraum der Philharmonie im Gebäude der Großen Gilde) erhalten. Auch die Backsteinmauer - rekonstruierte Reste der Stadtmauer, die mancherorts in Riga zu sehen ist, sind Objekte der Denkmalpflege. Sämtliche Ordens- und Bischofsburgen in Lettland und Estland sind in der Hochzeit der Gotik entstanden.
Als Baumaterial wurden v.a. Feldsteine und Backstein genutzt, wo es möglich war auch Kalkstein. Besonders in Nordestland herrschte die Verwendung von Kalkstein als günstiges beständiges Baumaterial vor. Deshalb kann man rund um Tallinn kaum Beispiele für die Backsteingotik finden. Anders in Tartu (Dorpat), wo die Bischofskirche auf dem Domberg (heute Ruine) der einst größte Kirchenbau der Gotik im Baltikum war - vergleichbar mit den typischen Kathedralen der Gotik - und der einzige im gesamten Baltikum mit 2 gewaltigen Westtürmen. Auch die Johanneskirche ist in ihren gotischen Details - den Dutzenden restaurierten Terrakottafiguren - eine Einzigartigkeit der Gotik im Baltikum.
Schmuckstücke der gotischen Architektur aus grauem Kalkstein (häufig verputzt) in Estland sind die Stadtmauer und unzählige Häuser der Gotik von Kaufleuten in Tallinn, das gotische Rathaus aus dem 15. Jh., die Reste der Klosteranlagen des Dominikanerklosters und des Brigittenklosters im Stadtteil Pirita sowie unzählige Landkirchen. Sehr schöne Beispiele für letztere findet man v.a. auf der Insel Saaremaa, darunter die Kirche von Valjala, die als einzige in Estland noch deutliche romanische Elemente aufweist. Die Kunst der Gotik hat sich nicht nur in der Architektur niedergeschlagen, auch kann man in Tallinner Kirchen sakrale Bilder und Holzaltäre aus der Zeit der Gotik finden.
In Litauen wurde die gotische Architektur ebenfalls von Westen her ins Land gebracht. Musterbeispiel der vom Deutschen Orden beeinflussten gotischen Wehrarchitektur ist die etwa zur Hälfte aus Backsteinen im 15. Jh. erbaute und heute rekonstruierte Wasserburg Trakai. Reste gotischer Kaufmannshäuser (u.a. das Perkunashaus) in Kaunas und die aus Backstein Anfang des 15. Jahrhunderts wohl für ausländische Kaufleute errichtete Vytautaskirche sowie die St. Peter-und-Paul-Kathedrale (größte gotische Kirche Litauens, Innenraum allerdings barockisiert) zeugen vom mittelalterlichen Kulturkontakt mit dem Westen im Großfürstentum Litauen. In Vilnius ist die Kirche St. Anna im sog. Gotischen Winkel (gemeinsam mit der Bernadinerkirche) mit ihren spielerischen gotischen Zügen aus 33 verschiedenen Arten Backstein ein Musterbeispiel der Gotik im Baltikum. Selbst Napoleon war so beeindruckt von der für die Gotik untypischen zierlichen Zügen der Annenkirche (Innenraum leider barockisiert), dass er sie gern mit nach Paris genommen hätte.


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