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Holzhäuser und Kalkstein im Freiluftmuseum

Die traditionelle Bauweise der Balten

Das Baltikum ist eine stark von der Landwirtschaft geprägte Region. Zwischen den Weltkriegen waren Estland, Lettland und Litauen wichtige europäische Exporteure landwirtschaftlicher Produkte, wie Fleisch, Butter, Leinen, Honig u.a. Wenngleich auch heute noch ein großer Teil der Bevölkerung sein Auskommen in der Landwirtschaft hat, sind dennoch alte traditionelle Bauernwirtschaften, Höfe und Ansiedlungen am Aussterben.
Deshalb wurden in allen drei Ländern sog. Freilichtmuseen bzw. Freiluftmuseen gegründet. In ihnen werden Zeugnisse der alltäglichen Landkultur zusammengetragen und sind in authentischer natürlicher Atmosphäre in der Nähe der Hauptstädte zu besichtigen.
Ältestes Freiluftmuseum im Baltikum ist das Lettische Ethnografische Freiluftmuseum in Riga (zugänglich seit 1932), romantisch auf einem über 100ha großen Waldgebiet am Jugla-See gelegen. Bereits 1924 hatte die lettische Denkmalschutzbehörde damit begonnen, Jahrhunderte alte (17.-20. Jh.) Hofanlagen mit Wohnhäusern, Stallungen, Speichern und Badehäusern in das Museum zu holen.
Die Höfe, Kirchen, Mühlen, Dorfkrüge und andere Zeugnisse der Landarchitektur sind nach den lettischen Regionen Vidzeme, Kurzeme, Zemgale und Latgale angeordnet und zeigen die regionalen und sozialen Unterschiede der historisch unterschiedlich entwickelten Regionen.
Das Aufsichtspersonal in den verschiedenen Häusern trägt besonders an Sonn- und Festtagen die Tracht der jeweiligen Region. Handwerker zeigen in authentischen Werkstätten alte, heute fast vergessene Gewerke. Beliebt sind Hochzeiten im Freiluftmuseum - Trauung in einer alten Holzkirche und Hochzeitsmahl im alten Dorfkrug, anschließend Kutschfahrt durch das Museumsgelände. Größtes Ereignis im Museum ist der alljährlich am ersten Wochenende im Juni stattfindende Jahrmarkt, der Kunsthandwerker und Besucher aus allen Landesteilen anlockt.
In Estland am Rande von Tallinn entstand ab 1957 ein ebensolches Freiluftmuseum mit der originellen Bezeichnung Rocca al Mare. Dies geht auf einen ehem. französischstämmigen Bürgermeister der Stadt zurück, der 1863 an der Bucht von Haaberisti einen Landsitz gepachtet hatte. Da er Italienliebhaber war, nannte er das herrliche Fleckchen Erde mit seiner Steilküste Rocca al Mare (ital.) - den Felsen am Meer. Bis heute hat sich die Bezeichnung Rocca al Mare für Museum und Stadtteil erhalten.
Hauptbaumaterial der Bauern sowohl in Estland als auch in Lettland war Holz. Doch kann man in Rocca al Mare auch Hofanlagen teilweise aus Kalksteinplatten finden - insbesondere auf nordestnischen Höfen, denn Kalkstein kommt dort in Hülle und Fülle vor. Zu den Besonderheiten der estnischen und lettischen Landarchitektur gehört das sog. Riegenwohnhaus. Diese großflächigen Häuser kombinierten Wohnteil und Tennenteil - zum Dreschen und - Lagern von Getreide. Der Wohnteil war praktisch eine Rauchstube mit dem sog. Riegenofen als Hauptstück des Hauses. Er sollte nicht nur die Stube erwärmen, sondern durch den heißen aufsteigenden Rauch auch das häufig nach der Ernte noch feuchte oder nur mäßig reife Getreide trocknen, welches auf sog. Dörrstangen ausgelegt wurde.
Im Sommer war die Hauswirtin froh, draußen in der rauchfreieren Sommerküche kochen zu können. Als Sommerküchen dienten häufig sog. Stangenzelte, die an Indianerbiwaks erinnern. Möglicherweise haben die alten Ostseefinnen, die Vorfahren der Esten, in solchen Stangenzelten einst auch gelebt. Verbreitet waren solche schornsteinlosen Riegenwohnhäuser in Estland und dem nördlichen Teil der lettischen Region Vidzeme. Der Rauch zog über das Reetdach und über Giebellöcher ab.
In der Nähe von Vilnius lockt auch das erst 1963 gegründete Freilichtmuseum von Rumsiskes (Litauisches Brauchtumsmuseum) zu einem Besuch.


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