Das System Angst - Die Rolle des KGB im Baltikum
Die Besetzung der baltischen Länder durch die Sowjetunion
Bis heute hält sich mancherorts die Mär vom freiwilligen Beitritt der baltischen Staaten zur Sowjetunion. Dabei weiß man spätestens seit dem Ende der Sowjetzeit über die Geheimen Zusatzprotokolle des sog. Hitler-Stalin-Paktes (im Baltikum eher nach den Unterzeichnern Molotow-Ribbentrop-Pakt genannt), die Osteuropa in Interessensphären aufteilten, bescheid. Hitler hatte freie Hand, am 1. September 1939 Polen zu überfallen, und Stalin begann ab 17. September mit dem Einmarsch in Ostpolen.
Ab Ende September folgten unmissverständliche Aufforderungen aus Moskau an die einzelnen baltischen Länder und Finnland "Beistandpakte" mit der UdSSR abzuschließen und sowjetische Militärstützpunkte auf ihren Territorien einzurichten. Estland, Lettland und Litauen stimmten dem schweren Herzens zu, Finnland widersetzte sich. Daraufhin griffen sowjetische Truppen ab 29. November Finnland an, es kam zum Sowjetisch-Finnischen Winterkrieg, in dem Finnland immerhin seine Souveränität wahren konnte.
Mitte Juni 1940 kam es entlang der Grenzen zu den drei baltischen Staaten zu terroristischen sowjetischen Grenzprovokationen. Vorausgegangen waren ultimative Forderungen Moskaus, unverzüglich moskaufreundliche Regierungen zu bilden und dem Einmarsch von Sowjettruppen in unbegrenzter Zahl zuzustimmen.
Bis zum 17. Juni sind alle drei Länder von der Roten Armee besetzt. Bereits damals im Baltikum wurde das Prinzip von Panzern "als überzeugendstes Argument" von den Sowjets eingesetzt, was später 1953 in Ostberlin, während des Ungarnaufstandes 1956 und gegen den Prager Frühling 1968 ebenso "Erfolg hatte". Nach Scheinwahlen, die innerhalb von drei Wochen anberaumt werden und nur eine einzige Wahlplattform - die der Werktätigen - zulassen, werden mit 99-prozentigen Ergebnissen "Volksparlamente" "gewählt", die schließlich sofort den Beitritt zum "Bund der Sowjetvölker" "erbitten". Alle Bereiche der Gesellschaft werden nun in kurzer Zeit sowjetisiert.
Die baltischen Länder werden gleichzeitig überzogen von einem Netz aus Einschüchterung und Terror, die Intelligenz - v.a. Menschen aus der Beamtenschaft und den Spitzen der Armeen und ihre Familien werden Mitte Juni 1941 in einer Massendeportation innerhalb von 24 Stunden in Viehwaggons gen Osten deportiert. Eine organisatorische sowjetische "Meisterleistung", die fast 50.000 Menschen aus Estland, Lettland und Litauen in die Gulags in den russischen Weiten verschleppt. Entscheidenden Anteil an der Zusammenstellung der Deportationslisten hatte eine Behörde, deren Aufgabe es war, sog. "antisowjetische Elemente" auszuschalten - der sowjet-russische Geheimdienst NKWD (anfangs "Tscheka", nach 1954 KGB).
Beteiligt waren unzählige, manchmal selbst eingeschüchterte, kleine Denunzianten und Zuträger, die zum Funktionieren des Angst-Systems des KGB beitrugen. 1949 kam es, nachdem Estland, Lettland und Litauen 1945 erneut der Sowjetunion zugeschlagen worden waren, zu einer zweiten großen Massendeportation. Mehr als 92.000 Menschen wurden am 24. und 25. März 1949 in Güterzügen nach Russland verschleppt. Betroffen waren diesmal im Sprachgebrauch der Sowjets als "Banditen und Nationalisten" bezeichnete "Volksfeinde" - sog. Kulaken - Bauern, die nicht in die Kolchosen eintreten wollten, und sog. Partisanenunterstützer (Bis 1953 kämpften Zehntausende baltische Partisanen - Waldbrüder genannt - gegen die Sowjetmacht!).
Die Verschleppungen betrafen fast jede Familie in Estland, Lettland und Litauen - deshalb werden sie oft als Genozid an den baltischen Völkern empfunden und wirken bis in die Gegenwart nach. An die Opfer des sowjetischen Terrors erinnern heute das Okkupationsmuseum in Riga - hier werden auch die Verbrechen der Nazizeit beleuchtet, und das Museum für die Opfer des Genozids in Vilnius (auch als KGB-Museum bezeichnet). Dieses ist im ehemaligen KGB-Gebäude am Gedeminasprospekt untergebracht. Ehem. Gefängnis- und Folterzellen, Verhörräume und Exponate des einstigen sowjetischen Museums "Zum Ruhm der Tschekisten" lassen einem hier den Atem stocken.
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